Ich weiß noch, wie nervös ich war, als ich den Test in der Hand hielt. Zwei Minuten warten. Eigentlich brauchte ich den Test nicht, ich wusste es irgendwie schon. Nach wenigen Sekunden tauchte er auch schon auf, der rosa Streifen, der mein Leben verändern sollte. Schwanger. Scheiße, dachte ich. Dabei konnte ich Kinder nicht mal leiden, sie waren laut, meistens dreckig und verschnoddert und unverschämt. Ausserdem war ich noch nicht lange mit dem Kindesvater zusammen. Und dieser wartete unten auf das Ergebnis. Ich blieb bestimmt noch 10 Minuten im Bad und starte auf den Streifen, packte ihn und ging raus. Mein Freund stand da und an meinem Blick erkannte er das Ergebnis. Und grinste. Küsste mich und nahm mich in den Arm.
Mutter werden ist nicht schwer, Mama sein dagegen sehr. Da ist definitiv was dran. Meine Schwangerschaft verlief problemlos, genießen konnte ich sie trotzdem nicht. Ich hatte ständig Angst, dass ich das Kind nicht lieben könnte, dass ich als Mutter versage. Angst vor der Geburt, Angst vor einem ruinierten Körper. Als die ersten Schwangerschaftsstreifen auftauchten, war ich tottraurig.
Ich wusste nicht einmal, ob ich überhaupt Mutter sein wollte.
Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich mein Kind das erste Mal gespürt habe. Ich lag im Bett und plötzlich war da ein kleiner Stups. Als würde da jemand sagen "Hallo, hier bin ich." Erst von da an war die Schwangerschaft richtig real für mich.
Sicher, ich freute mich auf meinen Sohn und war gespannt, wie er sein würde. Aber ich war nicht so euphorisch, wie man es von einer schwangeren Frau erwarten würde. Bis zum Ende der Schwangerschaft konnte ich mich nicht als Mutter sehen. Es war merkwürdig. Ich und Mutter.
Henrys Geburt war schnell und unkompliziert. Trotzdem überwältigte mich der Schmerz und die Anstrengung und ich war einfach nur müde. Niemals würde ich behaupten, das wäre der schönste Tag meines Lebens gewesen. Das beste, was mir passieren konnte, ja. Aber ich hatte definitiv schon angenehmere Tage. Hätte man mir mein Kind nicht sofort gegeben, hätte ich es nicht schlimm gefunden, denn dann hätte ich schlafen können. Aber ich war jetzt für dieses kleine, zarte Wesen verantwortlich. Und er machte es mir wirklich leicht. Gemeckert wurde nur bei Hunger, ansonsten war er ein sehr zufriedenes Baby.
In den drei Tagen, die wir im Krankenhaus verbracht haben, lag irgendwie ein Schleier über mir. Erinnern kann ich mich kaum noch daran. Ich weiß nur, dass ich glücklicher getan habe, als ich es tatsächlich gewesen bin. Zuhause angekommen ging es mir besser, Schmerzen hatte ich aber immer noch. Zwei Wochen konnte ich nur wie ein Pinguin watscheln. Mein Körper war eine Katastrophe, ich fühlte mich unfassbar unwohl.
Allmählich trudelte der Alltag ein, richtig fühlte es sich für mich aber immer noch nicht an. Aber ich wollte es gut machen, gab mir Mühe und setzte mich unter Druck. Irgendwie funktionierte es auch, die Wohnung war sauber, ich geschminkt und geduscht und das Kind zufrieden.
Bitte nicht falsch verstehen, ich hatte keine postnatale Depression, ich war glücklich, aber nicht wirklich angekommen. Zwar hat man zehn Monate Zeit, sich auf das Kind vorzubereiten, aber letztendlich kommt es doch ganz plötzlich.
Angst kam auf, mit mir würde etwas nicht stimmen. Also recherchierte ich ein wenig im Internet und war erleichtert, dass es nicht nur mir so erging.
Leider klappte das Stillen nicht und ich musste zufüttern. In meiner Gefühlswelt ist das ein Rückschlag gewesen. Ich habe versagt. Ich bin keine gute Mutter. Heute weiß ich, dass ich zu unentspannt gewesen bin, ich habe mich nicht auf das Mama-sein eingelassen. Ich wollte zu viel auf einmal. Mein Kind versorgen, den Haushalt perfekt erledigen und schnellstmöglich meine alte Figur zurück. Das konnte nicht funktionieren. Ich fand mich damit ab jetzt eine Flaschen-Mutti zu sein.
Nach und nach bauten sich die Gefühle zu meinem Sohn immer mehr auf. Spätestens an dem Morgen, an dem er über 40 Grad Fieber hatte, wusste ich, was Muttergefühle sind! Er war nicht einmal zwei Monate alt und wir mussten insgesamt drei Mal ins Krankenhaus mit ihm, beim letzten Mal wurde er operiert. Es war eine grausame Zeit, die ich möglichst verdränge. Sein Kind leiden zu sehen, hilflos zu sein, ließen die Geburtsschmerzen lächerlich wirken.
Muttergefühle waren endlich da, aber ne richtige Mutti war ich immer noch nicht. Richtig "angekommen" bin ich erst, als Henry ein knappes halbes Jahr alt wurde.
Es hatte mich anfangs traurig gemacht, dass es so lange gedauert hat. Dafür genieße ich es heute umso mehr. Ich habe immer noch zu hohe Ansprüche an mich selbst, aber inzwischen sehe ich vieles entspannter. Perfekt ist niemand.
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